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Das neue Landleben: Leben und Arbeiten auf dem Land

Derzeit leben zwei Drittel der Menschen in Deutschland in Städten, weltweit bald 80 Prozent in Ballungsgebieten; Tendenz steigend. Die Jobs der Zukunft entstehen in den Ballungszentren – und wo die Arbeit ist, da ziehen auch die Menschen hin. Schlechte Karten für das Landleben – könnte man meinen. Aber, entsteht da gerade eine Gegenbewegung für ein neues Landleben? Die Anzeichen mehren sich.

Landleben: Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten

Vergangenen Sommer las man im Tagesspiegel über Start-ups mit Stallgeruch und in der Süddeutschen Zeitung über Städter und warum sie aufs Land ziehen. Hintergrund der Berichterstattung war eine Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein Neuland 21 mit dem Titel „Urbane Dörfer. Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann.“ Diese befasst sich mit alternativen Wohn- und Arbeitsformen auf dem Land, besonders in den Regionen Ostdeutschlands, die seit Jahren, ja Jahrzehnten mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen haben. Von Vergreisung und einem Sterben der Dörfer ist die Rede. Die meisten – vor allem jungen Bewohner – wandern ab in die Städte. Dorthin, wo sie Arbeitsplätze finden. Auf der anderen Seite stehen junge Stadtbewohner, von denen laut Umfrage des Berlin Instituts 60 Prozent im Grünen wohnen und arbeiten wollen und dafür neue Ideen generieren und umsetzen wollen. Die Digitalisierung und die neuen, flexiblen Arbeitsformen, die sie mit sich bringt, eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten.

Landluft macht frei

Entscheidendes Kriterium für das neue Landleben: Die Doppelhaushälfte in der Neubausiedlung ist nicht das Modell, das die Vordenker anstreben. Kollektive, Kommunen oder Genossenschaften sind die Organisationsformen, die sie bei Wohnen, Arbeiten und Besitzverhältnissen anstreben. Ein urbanes Leben im gewohnten Kiez – nur mit Wald und Wiese drum herum sozusagen. Freiheit und Selbstbestimmung in Berufs- und Privatleben.

So sind die urbanen Dörfler auch vermehrt Freelancer, Freiberufler und Kreative – Menschen, die in Organisation und Inhalt ihrer Arbeit ein hohes Maß an Eigenständigkeit anstreben und verwirklicht haben. Menschen, die die Möglichkeit des zeit- und ortsungebundenen Arbeitens, die die Digitalisierung mit sich bringt, nutzen können.

Stadtleben vs. Landleben: Ist die Urbanisierung nachhaltig?

In der Tat kann man sich fragen, ob das Wohnen und Arbeiten in den Ballungszentren nachhaltig ist und langfristig eine Zukunft hat. Vor allem vor dem Hintergrund von

  • Platzmangel und Wohnungsnot in den Städten, die sich trotz des demografischen Wandels wohl noch weiter verschärfen wird. Zuwanderung und steigender Wohnraumbedarf pro Person bei gleichzeitig sinkender Haushaltsgröße sind die Ursachen.
  • In den Ballungszentren München, Frankfurt am Main, Stuttgart und Berlin werden die Miet- und Kaufpreise für Immobilien von einem ohnehin schon sehr hohen Niveau noch weiter steigen. Ein Großteil des Einkommens (jeder 6te Haushalt zahlt mehr als 40% des Nettoeinkommens dafür) muss schon heute für Miete aufgewendet werden – Tendenz steigend.
  • Schlechte Luftqualität durch Feinstaubbelastung, überhöhte Stickoxidwerte, kaum Naturausgleich, Lärm durch überdimensionierten Verkehr lassen das Wohnen in den Städten zur Gesundheitsgefahr werden.

Das neue Landleben: Projekte

Neben Neuland 21 gibt es weitere Initiativen, die das Landleben in die Zukunft führen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie auf gemeinschaftliches Zusammenleben setzen und Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden. Exemplarisch stelle ich hier die Initiative Nowpow in Nordrhein-Westfalen, Schloss Blumenthal in Bayern und das Kodorf in Wiesenburg vor. Wohlwissend, daß es noch viele spannende Beispiele mehr gibt. Ich freue mich natürlich sehr über Eure Erfahrungen und Ergänzungen mit weiteren Beispielen.

Nowpow

Das Konnektiv Nowpow hat bereits einen Kreativort im Bergischen Land geschaffen, an dem miteinander Bekannte und Unbekannte gemeinsam arbeiten (Co-Working) und leben. Nun will sich das Konnektiv vergrößern und ein altes Landgut erwerben – gemeinsam mit einem Immobilieninvestor. Hier soll das Projekt des gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens jenseits der Stadt fortgesetzt werden, für das die Initiative noch Partner sucht – Botschafter, Nutzer, Gestalter und Investoren sind willkommen.

Bei Nowpow dreht sich alles um Innovationen. In der freien Atmosphäre, die die Querdenker des Konnektivs bieten, entstehen neue Ideen und Möglichkeiten des Zusammenarbeitens, der Unternehmenskultur und des Team-Buildings.

Schloss Blumenthal

Noch enger ist das Zusammenleben bereits auf Schloss Blumenthal. Ein Ort den ich in meiner Jugend sehr oft besucht habe. Meine damalige Schule war nur wenige Kilometer entfernt. Die denkmalgeschützte Anlage wurde im 16. Jahrhundert erbaut, war im Besitz des Deutschherren-Ordens und der Fugger. Die Mehrgenerationen-Gemeinschaft aus 43 Erwachsenen und 18 Kindern betreibt dort ein Hotel, eine Gaststätte, einen Biergarten, eine solidarische Landwirtschaft und bietet Raum für Tagungen und Seminare sowie zahlreiche Events. Alle Entscheidungen werden von den Bewohnern, von denen ein Teil Eigentümer, ein Teil Mieter sind, gemeinsam getroffen. Jeder Blumenthaler soll und darf seine Fähigkeiten und Kompetenzen für die gemeinsame Vision, die auf den Säulen Soziales, Ökonomie, Kunst und Kultur, Gesundheit und Bewusstsein fußt, einbringen.

KoDorf

Das KoDorf möchte die Annehmlichkeiten von Stadt und Land miteinander vereinen. Naturnähe und gute Infrastrukturanbindung in einem. Das Projekt, das derzeit Flächen in ganz Deutschland sucht und erwirbt, baut eigene Dörfer: Ansammlungen von kleinen Häusern und großzügigen Gemeinschaftsflächen. Co-Workingspace, Gemeinschaftsküche zum gemeinsamen Kochen und Essen, Werkstätten, Yoga-Räumen, Kita und Hofladen – wie die Flächen genau genutzt werden, entscheiden die Bewohner gemeinschaftlich. Jede Partei baut ihr eigenes Haus – damit kommt das Projekt ohne Investoren aus. Jeder beteiligt sich mit seinem eigenen Kapital und wird dadurch zum Mitunternehmer. Auch hier stehen also gemeinsame Verantwortung und Gestaltung im Vordergrund.

Neues Landleben: Welche Rahmenbedingungen sind nötig?

Die vorgestellten Projekte zeigen: Es tut sich was in den Köpfen der Menschen. Der Run auf die Städte scheint zumindest hinterfragt zu werden. Aber um das Landleben für noch mehr Menschen attraktiv zu machen und die Chancen, die die Digitalisierung für den ländlichen Raum und das Arbeiten auf dem Land jenseits des Kuhstalls möglich und attraktiv zu machen, bedarf es auch der entsprechenden politischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen. Vor knapp drei Jahren hat die Bertelsmann Stiftung dazu eine Studie mit dem Titel „Digitale Zukunft auf dem Land“ veröffentlicht. Darin schreiben die Autoren:

„Die geringere Bevölkerungsdichte auf dem Land ist Segen und Fluch zugleich. Auf der einen Seite führt sie zu den von den Einwohnern geschätzten Vorteilen der Beschaulichkeit, der Übersichtlichkeit und einer naturnahen Umgebung, die einen Gewinn an Lebensqualität darstellen, auf der anderen Seite oft zu langen Pendelwegen, weniger sozialer und technischer Infrastruktur mit leistungsschwachen Internet-Verbindungen.“

Bertelsmann-Studie „Digitale Zukunft auf dem Land“

Der flächendeckende Ausbau von Breitband-Verbindungen ist eine wichtige Voraussetzung, um Arbeiten und Leben auf dem Land zu ermöglichen. Denn die Digitalisierung ermöglicht erst das Zusammenarbeiten auf Distanz – unabhängig von gemeinsamen physischen Orten. Texte lassen sich gemeinsam bearbeiten, Videotelefonie ermöglicht Besprechungen, große Datenmengen lassen sich sicher und schnell übertragen.

Neben den technischen Möglichkeiten gilt es jedoch auch, seitens der Kommunen eine Unterstützungskultur zu etablieren für diejenigen, die sich für die Neuentdeckung des ländlichen Raumes engagieren und rechtliche Hürden abzuschaffen, statt, wie so oft, dem Neuen mit Misstrauen und Skepsis zu begegnen.

Damit nicht nur Freiberufler, sondern auch klassisch Angestellte die Möglichkeiten des Landlebens besser nutzen können, müssen die Arbeitgeber und Unternehmen ihren Mitarbeitern mehr Freiräume einräumen: Homeoffice statt Präsenzkultur sind gefragt. Zudem müssen Unternehmen die entsprechenden Tools bereitstellen, um virtuelle Zusammenarbeit und sichere Datenübertragung zu gewährleisten. Agile und selbstorganisierte Prozesse erhöhen ebenfalls den Grad der Selbstbestimmung.

Arbeit und Leben verbinden – mit Purpose

Der neue Wunsch nach einem integrierten Leben und Arbeiten auf dem Land fügt sich ein in den Wunsch vieler hochqualifizierter Fachkräfte nach einem ganzheitlichen Sinn ihrer Tätigkeit – auch Unternehmen definieren sich immer mehr über Purpose und weniger über Umsatz und Gewinn um jeden Preis.

Es liegt damit nahe, Leben und Arbeiten wieder näher zusammenzubringen, statt die Sphären strikt voneinander zu trennen. Gleichzeitig steht in den alternativen Wohn- und Arbeitsprojekten auf dem Land stets der ganze Mensch mit seinen Fähigkeiten und Kompetenzen im Mittelpunkt; Fähigkeiten, die er sowohl in seiner Erwerbsarbeit als auch in der Gestaltung der Projekte und seiner Umgebung einbringen soll und kann. Für viele der neuen Landbewohner ist das Zusammenarbeiten und -leben daher eine Antwort auf die Suche nach Sinn – im Arbeits- und im Privatleben.

Wie sieht das bei Ihnen aus – wo und wie wollen Sie wohnen und arbeiten?

Quelle Titelbild: Walter Sturn unsplash

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