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„Business-Rebellen! – Der Talk“ #17 – Harry Gatterer, Zukunftsforscher

Harry Gatterer ist Zukunftsforscher und als solcher Geschäftsführer des Zukunftsinstitus. Seit über 20 Jahren widmet er sich der Trendforschung und fragt sich, welche Themen uns in Zukunft beschäftigen werden. Harry Gatterer und ich kennen uns seit vielen Jahren. Als Michael Frenzel noch CEO der TUI AG war, haben Harry und ich uns in dem Future Think Tank, den Frenzel ins Leben gerufen hatte, kennen und schätzen gelernt. Als Speaker, Wissenschaftler und Autor ist der Zukunftsforscher Harry Gatterer gefragter Experte bei vielen Unternehmen und Organisationen.

Besuch bei Harry Gatterer in Wien

Bild: © Stephan Grabmeier

Für diesen Business-Rebellen-Talks habe ich Harry in seiner Home Base in Wien besucht. Wir sprachen wir über die Phänomenologie der Zukunftsforschung, die Bedeutung von Krisen, Innovations-Terror und wo Harry am liebsten entspannt. Natürlich hat er uns auch verraten, was für ihn Business-Rebellen auszeichnet.

Wie Harry zum Zukunftforscher geworden ist…

Ich bin wahnsinnig neugierig (was uns beide eint). Das muss man als Zukunftsforscher einfach sein. Eine meiner Triebkräfte ist, herausfinden zu wollen, wie die Dinge zusammenpassen und wie etwas funktioniert. Ich habe mich mit Anfang 20 relativ früh selbstständig gemacht — ohne irgendeinen unternehmerischen Background. Das war tatsächlich der Auslöser, mich zu fragen: Jetzt bin ich 20 und bin selbstständig. Aber wie wird denn das, was ich hier mache, eigentlich in Zukunft sein? Daraufhin habe ich begonnen, mich mit Trendforschung zu beschäftigen. Und es hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Über die Bedeutung von Krisen als Zukunftsforscher…

Das mag jetzt komisch klingen, aber: Für uns Zukunftsforscher sind Krisen etwas Normales. Jedes System, das in irgendeiner Form einen Veränderungsprozess durchläuft, braucht Krisen. Sie sind Hinweise darauf, was tatsächlich nicht funktioniert. Oder wo Dinge dysfunktional sind. Und insofern sind Krisen systematisch betrachtet etwas völlig Normales. Natürlich ist es immer etwas anderes, wenn man persönlich in einer Krise steckt. Dann ist es emotional und man muss das verarbeiten, damit klarkommen. Aber aus einer Meta-Perspektive gehören sie zu einem System dazu.

Welche drei Hashtags ihn am besten beschreiben…

Da als Zukunftsforscher mein großes Interesse der Zukunft gilt, ist der Hashtag „Future“ für mich natürlich wesentlich. Dann möchte ich den Hashtag „Mind Changing“ nennen. Damit meine ich, dass man den Blick dreht und weitet, um Dinge und Kontexte neu betrachten zu können. Also dass etwas über den gewohnten Blick hinausgeht. Als drittes finde ich den Hashtag „Emotion“ ganz passend. Meine Arbeit ist immer mit einer Art von emotionaler Leidenschaft verbunden. Wenn ich also sage, ich möchte mindchangen und den Blick auf die Welt verändern — dann ist das ja auch ein Kraftakt, für den ich einen emotionalen Schub brauche.

 

Quelle: Kienbaum / Youtube

Über das Besondere an seinem Job als Zukunftsforscher…

Das Besondere an dem Job als Zukunftsforscher ist zunächst, dass ich mich mit Zukunft beschäftigen darf. Und zwar tagtäglich. Ich finde es unglaublich spannend, dass wir dafür auch einen systemischen Zugang haben. Also Methoden und Zugänge, die wir nutzen, um weiterzukommen. Gleichzeitig darf ich hier mit tollen Leuten zusammenarbeiten. Das ist eine große Motivation. Und dass wir mit unserer Arbeit — über Bücher, Studien, Veranstaltungen — viele Menschen berühren dürfen. Das ist das, was mich motiviert und mir immer wieder die Kraft gibt.

Über die Bedeutung von Emotionen…

Wir sind als Gesellschaft ein echter Druckkessel geworden und haben bereits eine Über- Emotionalisierung. Alles soll Emotion erzeugen, Du wirst nur zugeballert. Das führt am Ende zu dem, was wir auch in der Social-Media-Welt mit den ganzen Hass-Postings erleben. Da wird der ganze Druck abgelassen. Ein weiterer Effekt ist, dass die Menschen einem extremen Stress-Level ausgesetzt sind. Deshalb richten sie ihren Blick dorthin, wo es (vermeintlich) besser war: in die Vergangenheit. Wir sind ja keine Gesellschaft mehr, in der die Zukunft ein Hoffnungsraum ist, sondern Zukunft ist der Stressraum. Und das Zurück ist der Hoffnungsraum. Bei der Lektüre von „Factfullness“ von Hans Rosling denkt man: Wahnsinn, in welcher tollen Welt wir hier leben. Weil die Facts dafür sprechen, dass es uns so gut geht wie noch nie zuvor. Aber es fühlt sich nicht so an. Und das hat mit Emotion zu tun.

Bild: © Stephan Grabmeier

Warum Harry ein Rebell ist…

Ein Teil meines Jobs ist es, Vorträge zu halten. Und dabei kümmere ich mich nicht um politische Korrektheit. Ich greife die Leute nicht persönlich an, aber thematisch. Ich lege den Finger in die Wunde. Oft überfordere ich ein Team auch damit, weil ich dazu auffordere, die Dinge nochmal neu zu drehen und zu betrachten. Das Level zu erhöhen. Und zwar immer mit der Idee, Ergebnisse zu erzeugen. Ich möchte den Dingen auf den Grund gehen und sie verstehen. Das ist die Neugierde, die mich seit Anfang an antreibt. Ich möchte Zusammenhänge sehen und begreifen — und begreifbar machen.

Über den „Innovations-Terror“…

Innovation ist heutzutage einfach gesetzt: Wir brauchen Innovation! Doch nirgends gibt’s einen kritischen Blick auf Innovation. Das Thema ist zu einem Automatismus verkommen, der immer blinde Flecken erzeugt. Es wird aus Zwang ganz viel „Innovation“ produziert, die niemand braucht. Nur damit der Chef oder das Management zufrieden sind. Und mit dem stehe ich auf Kriegsfuß, das ist der Innovations-Terror. Ich habe nichts gegen Innovation, wenn sie wirklich in der Organisationskultur verankert ist. Dann macht sie auch Sinn. Aber oft wird sie nicht gelebt und es geht nur darum, dass man aus Automatismus etwas Neues macht.

Über seinen größten Fehler…

Ich bin – seit ich 20 war – selbstständig und habe laufend Fehler gemacht. Mit 23 hatte ich mit einem Kompagnon ein kleines Möbel-Studio. Da haben wir schon mit den ersten Ansätzen von Virtual Reality gearbeitet. Wir haben damit zunächst viel Aufsehen erregt und wurden geschäftlich sehr erfolgreich. Dann haben wir versucht, daraus ein Franchise zu machen. Das hat sich im Nachhinein als ziemlicher Flop herausgestellt. Es war einfach nicht ausgereift und das hat wahnsinnig viele Probleme erzeugt. Und das Ganze ist am Ende zwar glimpflich, aber doch den Bach herunter gegangen. Der ganze Frust und die Ängste, die da auch wegen des Geldes entstehen — das war ein einschneidender Punkt, aus dem ich viel gelernt habe.

Was man von Harry am besten lernen kann…

Du kriegst von mir auf jeden Fall unheimlich schnell ein Gefühl für Zusammenhänge. Also für Dinge, die man vielleicht üblicherweise nicht zusammen denkt. Ich kann Gedanken anregen, die nicht direkt offensichtlich sind. Gleichzeitig bin ich auch gut darin, eine gewisse Stimmung zu erzeugen: Ich brauche einen Raum, in dem eine produktive Atmosphäre herrscht. Bei der die Leute wollen, dass etwas entsteht. Das kann ich erzeugen und darauf lege ich viel Aufmerksamkeit.

Wer ihn am meisten geprägt hat…

Bild: © Stephan Grabmeier

Zunächst ist meine Frau für mich ein Lieblingsmensch. Seit wir uns kennen, hat sich bei mir wahnsinnig viel bewegt und wir haben uns immer dazu ausgetauscht. Sie ist ja auch Teil des Instituts. Insofern ist die Stephanie für mich sowohl privat wie auch beruflich ein ganz wichtiger Mensch, der mich geprägt hat. Bezogen auf das Zukunftsinstitut hat Matthias Horx mich unheimlich berührt und bewegt. Er hat das Institut vor 20 Jahren gegründet und wir teilen ein wesentliches Verständnis zu unserer Arbeit. Seine menschliche Größe hat mich unheimlich inspiriert: Er hat mir viel Freiraum gegeben und mich einfach machen lassen. Das hat mich natürlich extrem weitergebracht und motiviert.

Wo er am besten entspannen kann…

Glücklicherweise zuhause. Unsere Kinder fordern durch ihre Präsenz auch einfach, dass ich umschalte und für sie da bin. Ich liebe die beiden so sehr, dass ich das dann auch genießen kann. Ich mag diesen Ort, das Zuhause, die Familie einfach gern. Das ist mir wichtig. Gleichzeitig reise ich gern. Ich suche mir, wenn ich beruflich unterwegs bin, Hotels oder Cafés aus, wo ich gerne bin. Wo ich mich mal mit einem Buch zurückziehen oder etwas schreiben kann. In Berlin im Biergarten sitzen ist so ein Beispiel. Also an Orte zu gehen, die Dir nochmal eine ganz andere Inspiration geben. Das genieße ich sehr.

Lieber Harry, auch wenn es kurz war, wir hätten noch so lange plaudern können, es war wieder einmal große Klasse mit Dir. Ich durfte persönlich viel von diesem Talk mitnehmen und bin sicher, meine Zuschauer und Leser ebenfalls. Weiterhin alles Gute, bleib so neugierig, wie Du bist und „überfordere“ uns mit Deinen Ideen.

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