Einige Jugendliche in demonstrativer Abwehrhaltung stehen als Gruppe zusammen
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The big picture (1): Purpose in der Gesellschaft

Die Frage nach dem Sinn und Zweck ist nichts Neues. Sie beschäftigt uns, seitdem wir Menschen denken können. Purpose ist die moderne Übersetzung von „auf der Suche nach dem Sinn“. Der Sinn von Wirtschaft der letzten 250 Jahre besteht darin, Shareholder Value zu schaffen, so meinte es zumindest Milton Friedman: „The purpose of business is business“ – „Der Sinn der Wirtschaft ist Wirtschaft“. Das war einmal. Das sagen nicht mehr nur Kapitalismuskritiker*innen. Auch die Stimmen von Aktionär*innen, Unternehmer*innen, Gründer*innen, Schüler*innen, Politiker*innen und sogar Fondsmanager*innen werden immer lauter. Die Forderung: Wollen wir die Welt retten, muss das Streben nach Erfolg einer rein betriebswirtschaftlichen Ideologie einem neuen Streben weichen: Dem Streben nach Sinn. Die Botschaft: Jede*r braucht (s)einen Purpose, wenn wir die Welt retten wollen.

3 Dimensionen von Purpose: Gesellschaftlich, Organisational, Individuell
Drei Dimensionen von Purpose. (Bild: © Stephan Grabmeier)

Ich fasse Purpose in drei unterschiedliche Bereiche: Gesellschaft – Organisation – Individuum. Dieser Artikel ist der erste Teil meiner Purpose-Trilogie und befasst sich mit Purpose und den gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Hinweis: Ab sofort steht die komplette Purpose-Trilogie als Whitepaper zum kostenfreien Download zur Verfügung. Hier geht’s direkt zum Download.

We Purpose – die Kultur des Friedens und der Menschenrechte

Es gibt wesentliche Momente der Geschichte, in denen ein gemeinsamer Purpose für eine globale gesellschaftliche Relevanz geschaffen wurde. Einer der wichtigsten Verträge der Welt, geschlossen am 26. Juni 1945 in San Francisco, ist die Charta der United Nations – der Gründungsvertrag der Vereinten Nationen. Dieser völkerrechtliche Vertrag basiert wesentlich auf der Veröffentlichung von Immanuel Kants „Der ewige Frieden“ und beschreibt somit die wichtigste kulturelle Dimension unserer Gesellschaft: die Kultur des Friedens. Die Gründung der UN feiert dieses Jahr seinen 75. Geburtstag.

Nur wenige Jahre nach der Gründung folgte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte – „The universal declaration of human rights“. Diese wurde auf internationaler Ebene verabschiedet und definiert die Menschenrechte als

  • Rechtsansprüche in bürgerlicher, politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht
  • Universell gültig
  • Unveräußerlich
  • Unteilbar.
Zitat aus der Menschenrechtsklärung: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren
(Bild: © blende11.photo | stock.adobe.com)

Die Grundlage dafür bilden die Naturrechte und die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die beispielsweise auch in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes festgelegt sind (Art. 1 GG). Zudem stehen jedem Menschen Menschenrechte, also individuelle Freiheit und Autonomierechte zu – basierend auf dem Menschsein allein.

Ein ähnlich hoher Stellenwert kommt dem derzeitigen Zukunftsvertrag der Welt zu: „Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“, oder kurz: „Die Agenda 2030“ – umfasst 17 Nachhaltigkeitsziele, die sogenannten 17 Sustainable Development Goals (SDGs), die 2015 von 193 Staaten unterschrieben wurden. Die Agenda 2030 ist der Rahmen für die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie. Dazu gehe ich im Verlauf noch detaillierter ein.

Zusammengenommen sind dies essenziell wichtige Bausteine der Menschheit. Diese geben den globalen Rahmen unseres gesellschaftlichen Purpose:

  • die Kultur des Friedens
  • die Menschenrechte
  • die 17 SDGs.

Wenn wir über Purpose, seine Definitionen und Ausprägungen sprechen, sollten wir mit dem Big Picture beginnen. Nur dann sind wir sicher, auch einen sinnhaften Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Wir stellen die falsche Frage

Peter Drucker, der Pionier nachhaltiger Managementlehre, hat in seiner Lektüre „Managing Oneself“ die Wirkung, die jede*r Einzelne durch den eigenen Blick auf die Welt und die Beziehungen darin hat, folgendermaßen zusammengefasst: „What should I contribute“ – „Was soll ich beitragen“. Seitdem Simon Sinek seinen Golden Circle im TED Talk 2009 auf das Flipchart gemalt hat, suchen wir im Why – How – What-Dreiklang nach sinnstiftenden Antworten. Mehr als 50 Millionen Mal wurde seine Botschaft „Start with Why“ – „Beginne mit dem Warum“ – gesehen. Dabei stellen wir oft die falsche Frage: Why? Das Warum lenkt uns manchmal in die falsche Richtung.

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein sich liebendes Paar entschließt sich, Kinder zu bekommen. Die Frau ist schwanger. Die Frage, „Warum“ sie schwanger wurde, geht der Sache auf den Grund. Antwort: Weil das Paar nicht (mehr) verhütet hat. Mit der Frage nach dem Warum richten wir uns an die Vergangenheit. Hingegen die Frage, „Wofür“ sie schwanger wurde, eröffnet einen zukünftigen Potenzialraum für etwas Größeres. Mit der richtigen Frage – dem Wofür oder Wozu – eröffnen wir die Sinnperspektive nach vorne.

Wofür tun wir etwas?

Die Corona-Krise hat uns für einige Wochen sehr eng zusammengeschweißt – als Land, in unserer Stadt, unseren Gemeinden, unseren Familien. Wir alle hatten von heute auf morgen ein Wofür. Ein Wofür wir etwas tun. Es gab eine klare Zielsetzung: den Virus zu bekämpfen und zu überleben. Diese Momente entfachten eine nie zuvor gekannte Energie, neues Potenzial, Gemeinsinn, Solidarität und schnelle Entscheidungen für das große Ganze. Immer dann, wenn es einen höheren Sinn als den eines Individuums gibt, können wir Dinge im großen Stil verändern. Gesellschaftliche Veränderungen erreichen wir über einen We Purpose.

Ein gutes Beispiel gab uns der US-Präsident John F. Kennedy, der 1961 die Vision ausgab: „We choose to go to the moon – in this decade.“ Mit dieser Parole, mit diesem Purpose, mit seinem festen Willen, dieses Ziel zu erreichen, hat er sein Land bewegt, ein bis dato menschenunmögliches Ziel zu erreichen. Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong den Mond – nur knapp acht Jahre nach Formulierung dieser Vision, die viele für unerreichbar gehalten hatten.

Solche Beispiele begegnen uns in der Geschichte immer wieder. Im Jahr 2019 feierten wir 30 Jahre Mauerfall. „Wir sind das Volk“ war ein starkes Wofür eines ganzen Volkes, gemeinsam eine Mauer und damit ganze politische Systeme und Glaubensbekenntnisse einzureißen.

„I have a dream“ – „Ich habe einen Traum“ – machte Martin Luther King Jr. bis heute in unseren Herzen unsterblich. Als einer der herausragendsten Vertreter im gewaltfreien Kampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit war er bis Mitte der 1960er Jahre der bekannteste Akteur des Civil Rights Movement, der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner.

Ebenso kämpften Gandhi oder Nelson Mandela mit ihren Initiativen für ein besseres Leben, gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit für Millionen von Menschen. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg bewegt seit 2018 Menschen auf der ganzen Welt zu ihrer Frage: „What changes are you making to help the environment?“ – „Was veränderst Du, um unserem Planeten zu helfen?“

In all den Beispielen geht es Menschen nicht um ein „Warum tue ich etwas“, sondern ein „Wofür setze ich mich ein“. Der „We Purpose“ zeigt: das WIR ist stärker als das ICH. Es geht dabei nicht um den Egoismus einzelner Menschen, nicht um die Hochglanzpolitur von Marken, sondern um einen großen gesellschaftlichen Kontext.

Purpose ist der Ordnungsrahmen für Komplexität

Purpose Sweet Spot als Schnittmenge aus Organisationsmotivation und Individueller Motivation
(Bild: © Stephan Grabmeier)

Ein gemeinsames „Wofür“ hilft, Komplexität zu verstehen und mit ihr umzugehen. Werfen wir einen Blick auf die systemischen Zusammenhänge. Vereinfacht unterscheiden wir zwischen zwei Systemen: einem sozialen und einem physischen System. Soziale Systeme sind zum Beispiel Unternehmen, Vereine, Teams, Familien, Genossenschaften – eine Vereinigung mehrerer Individuen. Physische Systeme sind Menschen und ihr Denken. Für soziale und physische Systeme lässt sich ein „eigenes Wofür“ beschreiben. Schafft man zwischen diesen beiden Systemen – und den jeweiligen Zielsetzungen – eine genügend große Schnittmenge, wird dadurch der Sinn zur gemeinsamen Weltformel. Wollen wir den Planeten retten (17 SDGs) und die Welt zu einem besseren Ort machen (Kultur des Friedens und der Menschenrechte), so ist Purpose die vereinende Triebfeder. Je größer die Schnittmenge – der Sweet Spot – umso größer die sinnvolle Potenzialentfaltung.

Die Welt hat eine Purpose Agenda – der Weltzukunftsvertrag

Die gute Nachricht ist, die Grundlage steht fest: Es ist alles definiert, um die Welt zu retten. Der Weltzukunftsvertrag existiert. Im Januar 2016 trat eine der wichtigsten Vereinbarungen der jüngsten Menschheitsgeschichte, unterzeichnet von 193 Staaten der Welt, in Kraft. Die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen spielt dabei die zentrale Rolle.

17 Ziele der Vereinten Nationen: Ziele für nachhaltige Entwicklung
(Bild: © UNRIC / Vereinte Nationen)

Die Agenda 2030 nennt fünf Kernbotschaften, die den 17 Zielen als Handlungsprinzipien vorangestellt sind:

  1. Die Würde des Menschen im Mittelpunkt
  2. Den Planeten schützen
  3. Wohlstand für alle fördern
  4. Frieden fördern
  5. Globale Partnerschaften aufbauen.

Die Ziele berücksichtigen alle drei Dimensionen der Enkelfähigkeit – Soziales, Umwelt, Wirtschaft – gleichermaßen und gelten für alle Staaten der Welt: Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer. Sie machen deutlich, dass alle eine gemeinsame Verantwortung für die Welt tragen. Der Purpose lautet: Gemeinsam die Welt enkelfähig gestalten. Unser Wofür ist damit klar.

Wir haben maximal sieben bis zehn Jahre Zeit, alles Erdenkliche zur Bekämpfung des Klimawandels in die Wege zu leiten. Schaffen wir es nicht, erleiden wir global irreparable Schäden, die wir nicht mehr umkehren können. Dann hilft keine Digitalisierung, keine Billionen Euro für Konjunkturprogramme oder Sonstiges mehr. Stattdessen müssen wir lernen, wie Teilsysteme auf dem ganzen Planeten zusammenhängen, und wie wir mit ihnen umgehen müssen. Derzeit lehrt uns die Corona-Krise genau das, und sie führt uns vor Augen, wie wichtig es ist, Komplexität zu verstehen. Denn nur dann können wir uns die Konsequenzen vorstellen: extreme weltweite Dürre, Überflutungen, Bürgerkriege, Erderwärmung, exponentielles Bevölkerungswachstum und Klima-Flüchtlinge in nie gekanntem Ausmaß. Die Corona-Krise wirkt gegen die Auswirkungen eines irreparablen Klimawandels wie ein leichter Schnupfen.

Die bisher ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Wirtschaft schafft Technologien und Produkte, die unsere Erde nicht mehr lebenswerter machen, sondern sie zerstören. Wir haben einen Krieg zweier Systeme geschaffen: Die Natur auf der einen Seite, die kapitalistische Wirtschaft auf der anderen. Wir kennen den Sieger, denn die Erde existiert seit rund 4,6 Milliarden Jahren. Ihr ist es egal, ob wir Menschen darauf leben oder nicht. Die Erde wird weiter existieren. Ob wir darauf noch leben werden, haben wir selbst in der Hand. Wenn wir das für sinnvoll erachten, sollten wir Verantwortung für die Enkelfähigkeit unseres Planeten übernehmen. Es braucht die Umsetzung der Agenda 2030. Die gelingt, wenn jede*r Einzelne dazu beiträgt.

Globale Purpose-Architektur

Von der Agenda 2030 ausgehend – Makroebene – können wir alle Ziele und Themen in jedem Land in seine Teilsysteme – Mikroebene – aufteilen. Jedes Unternehmen, jede Stadt, jeder Bürger*in in jedem Land wird eingebunden. Jede*r macht einen Unterschied.

Holistic Purpose Architecture in allen drei Dimensionen von Purpose: Gesellschaftlich, organisational, individuell
(Bild: © Stephan Grabmeier)

Der Purpose – gemeinsam die Welt enkelfähig zu gestalten – ist der Ordnungsrahmen und hilft uns dabei, gemeinsam zu agieren. Jeder der 193 Staaten hat die Umsetzung der Agenda 2030 und die Einhaltung der Ziele versprochen. Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir: bisher sind wir nicht gut genug. Alles, was wir in Deutschland bisher unternommen haben, ist zu wenig und zu kurz gegriffen. Es existiert zwar eine Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, aber:

  • Ein Klimapaket, das den Namen nicht wert ist.
  • Mächtige Lobbyist*innen, die alte Industrien bewahren und eine Politik, die das zulässt.
  • Eine Energiewende, die vor 20 Jahren gut begann, dann aber ins Stocken geriet.
  • Ein zu langsamer Kohleausstieg und Ausgleichszahlungen, die zu wenigen neuen Lösungen zu Gute kommen
  • Ein CO2-Preis, der keiner ist und somit auch keine Lenkungswirkung erzielt
  • Eine Landwirtschaft, die mehr Arten und Natur zerstört als fördert.
  • Investitionen mit zu wenig Lenkungswirkung zur Lösung der Probleme der Welt.

Der kreative Aufbruch zur Agenda 2030 muss treibende Kraft sein, nicht der Erhalt und die Förderung einer zerstörerischen Wirtschaft und eines überdimensionierten Wohlstandskonsums. Wir können es an unserem Planeten beobachten: Das ergibt keinen Sinn. Doch bisher gilt in Deutschland weiterhin der Purpose der Betriebswirtschaft: „Der Purpose der Wirtschaft ist Wirtschaft“.

Wie kann der Purpose von Deutschland für die Zukunft aussehen?

Deutschland braucht eine Initiative „Purpose für Deutschland“. Wie kann das funktionieren? Es beginnt damit, dass jede*r sein/ihr Wofür erarbeitet. Richtig, jede*r. Alle, die Verantwortung übernehmen wollen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und ihren Kindern und Enkelkindern einen lebenswerten Planeten zu übergeben: Unternehmen, Vereine, Städte, Gemeinden, Politiker*innen, Parteien, Bürger*innen, Schüler*innen. Es geht nicht um Egoismen, sondern um Gemeinsinn. Es geht um die Agenda 2030. „Völliger Wahnsinn“ werden viele denken. So wie vor 100 Jahren nur wenige geglaubt haben, dass ein Mensch auf dem Mond landen kann.

Lassen Sie uns gemeinsam aufbrechen und die Agenda 2030 umsetzen. Darin steckt enorm viel Sinn.

Hinweis: Ab sofort steht die komplette Purpose-Trilogie als Whitepaper zum kostenfreien Download zur Verfügung. Hier geht’s direkt zum Download.

Quelle Titelbild: © Jacob Lund | stock.adobe.com

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Ein Kommentar zu “The big picture (1): Purpose in der Gesellschaft

  1. Lieber Stephan,
    wunderbar, da ticken doch in mir sofort gemeinsame Anliegen. Dass Würde im Zentrum steht, klasse. Von dieser ausgehend wird Selbstverantwortung nötig, Gestaltung des eigenen Lebens eingefordert und die so häufig erlebte Opferrolle ausgeschlossen. Danke dir und somit freue ich mich noch mehr auf unser Telefonat und die Begegnung… Herzlichst Michael

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